Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.
The Dude
Filmcoopi
Von Sandro Danilo Spadini
Es ist Dezember 2018, und das ganze Land ist im Ausnahmezustand. Frankreich wankt und torkelt zwischen Wut und Erschöpfung, zwischen Aggression und Resignation. Von Krieg ist auf der einen Seite
die Rede, von Revolution auch, von Vandalen und Terroristen. So sieht das die Polizei. Auf der anderen Seite, bei den Demonstrierenden mit den gelben Westen, den «Gilets jaunes», finden sie:
«Denen sind wir egal.» Und: «Es ist überall dasselbe.» Und: «Es wird sich sowieso nichts ändern.» Das Verhältnis ist zerrüttet, das Vertrauen weg, die Verfassung der Republik zusehends fragil.
Und die Stimmung: zum Zerreissen angespannt und im wahrsten Sinne des Wortes explosiv. Brennende Autos allenthalben. Es klirrt und kracht und knallt unentwegt. Tränengas vernebelt die Sinne. Die
Nerven liegen blank. Die Fetzen fliegen. Blut spritzt. Und mittendrin in alledem: die Familie Girard aus Saint-Dizier – Mutter Joëlle (Sandra Colombo), Sohn Guillaume (Côme Peromnet), Tochter
Sonia (Mathilde Riu) und deren Freund Rémi (Valentin Campagne). Die Gelbwesten sind zwar nicht so ihr Ding. Trotzdem sind sie aus dem schmucklosen Kaff im Nordosten des Landes nach Paris ins
Epizentrum dieses tektonischen Demokratiebebens gereist: um ihren Unmut kundzutun, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren – und um sich auf dem Weg zu den «Manifestations» die
Sehenswürdigkeiten anzusehen. Und ausgerechnet diese harmlosen und gut gelaunten «Demotouristen» sind es dann, die die volle Wucht der brutalen polizeilichen Überforderung zu spüren bekommen:
Guillaume wird durch ein Gummigeschoss derart schwer am Kopf verletzt, dass er nun seit Wochen im Krankenhaus liegt und bleibende Schäden davontragen wird. So erzählt es seine Mutter der
routinierten Ermittlerin Stéphanie (Léa Drucker) von der Inspection Générale de la Police Nationale, der Dienstaufsicht also, die darüber wacht, dass Fehlverhalten von Polizeibeamten geahndet
wird. Und die jetzt gerade sehr viel zu tun hat.
Und dann wird es persönlich
Stéphanie ist die omnipräsente Protagonistin in Dominik Molls «Dossier 137»; es gibt kaum eine Szene, in der sie nicht im Zentrum steht. Einen ordentlichen Teil ihrer Zeit
verbringt sie am Schreibtisch: mit Besprechungen im Team, aber vor allem mit Einvernahmen von Opfern wie auch der fehlbaren Beamten und der Leiter der diversen Abteilungen, denen es obliegt,
Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Akribisch und minutiös, bisweilen auch apathisch und monoton inszeniert Moll das – was erst mal nicht nach einem packenden Kinoerlebnis klingt und mithin
nicht wie seine beiden hervorragenden jüngsten Thriller «Seules les bêtes» (2019) und «La nuit du 12» (2022). Gerade gegenüber letzterem, der ebenfalls schon stark auf die polizeiliche
Ermittlungsarbeit fokussierte und ein klassischer «Procedural» war, ist das nochmals eine erhebliche Steigerung, ist das gleichsam ein Bürokratiemonster. Und das hat gute Gründe. Der von einem
fiktionalisierten Fall handelnde Film, den Moll wiederum zusammen mit dem Filmemacher Gilles Marchand geschrieben hat, möchte sich bei diesem schwierigen Thema aus dem moralischen und
ideologischen Graubereich ganz offenkundig den Anschein maximaler Objektivität verleihen. So wie das auch das Ziel von Stéphanie ist, die sich stets professionell und engagiert gibt, ihre Gefühle
aber unter Verschluss zu halten sucht. Freilich gelingt ihr das im Fall von Guillaume nur bedingt. Denn wie dieser stammt auch sie aus Saint-Dizier; ihre Eltern (Geneviève Mnich und Christian
Sinniger) leben noch immer da, sie besucht sie gern und oft. Dem Opfer fühlt sie sich daher auf eine diffuse Art verbunden. Und so werden wir Zeuge, wie die Sache für diese mustergültige Beamtin
stetig persönlicher wird: wie ihr Engagement über das Professionelle hinausgeht und sie anfängt, Grenzen zu überschreiten. Es ist das ein Fanatismus, den man dieser sanften Mittfünfzigerin nicht
zugetraut hätte. Wenn man sieht, wie stoisch sie die Anfeindungen ihres Ex (Stanislas Merhar) und seiner Neuen (Antonia Buresi) – beide ebenfalls im Polizeidienst – wegen ihres vermeintlichen
Verrats an den Kollegen erträgt, wie sie den Unsinn, den ihre Mama verzapft, weglächelt, wie liebevoll sie mit ihrem Teenagersohn (Solàn Machada-Graner) umgeht und sich um das Kätzchen kümmert,
das sie in der Tiefgarage entdeckt hat: Da könnte man sie glatt unterschätzen. Doch die an Sturheit grenzende Beharrlichkeit, die sie hier an den Tag legt, zeugt eben von einem maximalen
Gerechtigkeitsempfinden, das am Ende sowohl den Loyalitätskonflikt zu übertrumpfen vermag, der fraglos in ihr wütet, als auch den Verdruss über das mangelnde Schuldbewusstsein der fehlbaren
Beamten und ihrer Vorgesetzten von der Eliteeinheit BRI, die seit den Bataclan-Anschlägen Heldenstatus geniesst. Für Stéphanie indes sind das auch Cowboys, die mit ihrem provokativen Verhalten
den in weiten Teilen des Volks herrschenden Hass auf die Polizei befeuerten. «Ich kann mich nicht erinnern», sagen sie in den Einvernahmen. «Ich weiss es nicht.» Immer und immer wieder. Alles
sehr repetitiv.
Der Sog des Monotonen
Nein, «Dossier 137» ist kein Film, in den man sich verliebt. Es ist das auch nicht ein Film, der einen so zu packen vermag wie Dominik Molls psychologische Thriller, zu denen nicht zuletzt
«Harry, un ami qui vous veut du bien» zählt, der vor über 25 Jahren in Cannes zu begeistern wusste. Denn neben dem Monotonen und Repetitiven, dem Bürokratischen und Akribischen, dem Zitieren von
Gesetzesartikeln und dem Ablesen von Behördenkorrespondenz hat dieses Dokudrama auch anderweitig keinerlei Glamour und Spektakel zu bieten: Von der Kleidung bis zu den Schauplätzen ist das alles
so gar nicht kinoverdächtig; die Figuren um Stéphanie haben keinerlei knackige Eigenschaften; die Performances im Schatten der exzellenten Léa Drucker sind kaum erinnerungswürdig; die
Inszenierung mit all den statischen Aufnahmen und den Handyvideos entfaltet nur wenig visuelles Flair. Dennoch ist das ein Film, in den man sich durchaus verkeilen kann. Der einen Sog entwickeln
kann. Einen mit seinen harten Schnitten und schnellen Dialogen reinziehen kann. Mitten in dieses tumultöse Geschehen. In dieses nationalpsychologische Chaos. In diese toxische Gemengelage. Auf
jeden Fall aber ist das nicht nur ein sogenannt wichtiger Film, der einen einschneidenden und womöglich auch entscheidenden Moment in der Geschichte Frankreichs festhält – beleuchtet – einordnet;
es ist vor allem klug und erhellend, was Moll hier auf eine Art demonstriert und durchexerziert, die ähnlich fokussiert und unnachgiebig ist wie jene Stéphanies. Wie er uns daran erinnert, dass
Gerechtigkeit kompliziert ist. Und dass die Dinge leider selten schwarz und weiss sind.