von Sandro Danilo Spadini
Wenn einer einen Film über einen Filmemacher dreht, dann liegt es natürlich nahe, hier Introspektives, Autobiografisches zu wittern. Tut das aber Terrence Malick, so kann man solche Rückschlüsse
getrost sein lassen. Denn dass dieser notorische Geheimniskrämer, von dem es kaum Fotoaufnahmen gibt und über den man so gut wie nichts Privates weiss, sein Innerstes in Leinwandgrösse
ausbreitet, scheint wenig wahrscheinlich. Christian Bale spielt in «Knight of Cups» mithin vermutlich nicht Terrence Malicks Alter Ego; seine Suche nach Sinn hat zum 71-jährigen Filmpoeten wohl nur
insofern einen Bezug, als dieser sich zeit seines Wirkens für die grossen, für die letzten Fragen interessiert hat: Liebe, Leid und Leben; Tod, Trauer und Gott; all das. Hier nun, in seinem
tatsächlich erst siebten Film, aber immerhin dem dritten in vier Jahren, hier nun also erzählt der von den Stars so geliebte, verehrte, vergötterte Malick von einem Regisseur, der das hohle
Hollywood-Dasein satthat. Wobei das wiederum weniger ein Erzählen als ein Darüber-Nachdenken ist, ein Darüber-Meditieren gar.
Ist das noch ein Spielfilm?
Darin ist sich «Knight of Cups» seinen beiden Vorgängern gleich. Im Unterschied zu «The Tree of Life» und «To the Wonder» geschieht das hier indes nicht mehr nur inmitten mächtigster
Naturschauspiele, sondern weit öfter in den Wolkenkratzerschluchten von Los Angeles und Las Vegas. Und es geschieht in bisweilen bemerkenswert profanen Bildern, mit verblüffend banalen Worten,
unter erstaunlich trivialen Umständen. Dass es einige Szenen gibt, die wie Outtakes aus den letzten beiden Filmen wirken, schürt obendrein den Verdacht, dem Meister falle nichts mehr ein, er
wiederhole sich nur mehr noch. Und trotzdem, trotz allem, hat auch dieses Werk seine lichten Momente, und in deren lichtesten entfaltet auch es diesen ganz speziellen Sog. Zumal, wenn man
loslässt, ablässt von Sehgewohnheiten und sich treiben lässt von diesem oft genug hypnotischen Bilderrausch. Das ist freilich nicht jedermanns Idee von Kino, und selbst widerstandsfähigsten
Arthouse-Cineasten mag der Mangel an Struktur zusetzen, mit dem Malick den Begriff «Spielfilm» dehnt. Dass es kaum Dialoge vor der Kamera gibt, stand derweil zu vermuten. Das war zuletzt so, das
ist hier noch mehr so, wenn Filmemacher Rick (Bale) im Off zu sich spricht. Sein Vater (Brian Dennehy) daselbst zu ihm spricht. Sein Bruder (Wes Bentley). Seine Ex-Frau (Cate Blanchett). Seine
Geliebte (Natalie Portman). Und dazu plätschert dann zwar immer noch das Meer, pfeift der Wind, zwitschern die Vögel. Doch es brummt eben auch der Verkehr, blubbert die Stadt, brabbeln Menschen
wie Antonio Banderas, Ryan O’Neal, Armin Müller-Stahl, Freida Pinto, Imogen Poots und weitere Malick-Jünger.
Augen auf – oder zu
Das macht die Sache wohl vergleichsweise prosaischer; verständlicher wird gleichwohl nicht, was uns der alte Mystiker Malick mitteilen möchte. Zwar lässt er seinen Helden in einem raren Moment
des Unverblümten kundtun: «Ich habe 30 Jahre damit verbracht, mein Leben nicht zu leben, sondern es zu zerstören. Für mich und für andere.» Aber doch macht es den Eindruck, als sei das hier gar
nicht auf Erkenntnisgewinn, auf Erleuchtung angelegt; und fast könnte man meinen, Malick zelebriere einfach eitle Manierismen und produziere Kunst um der Kunst willen. Doch wiewohl sich hierfür
durchaus Argumente vorbringen liessen, obzwar Malick den Bogen mitunter sehr wohl überspannt: Er schafft es auch dieses Mal immer wieder, dem willigen, dem vielleicht willfährigen Bewunderer
seiner Kunst die Augen zu öffnen, indem er ihn in einen gleichsam trancehaften Zustand versetzt. Entweder das, oder es fallen einem die Augen zu. «Fange an», ist das Letzte, was hier gesagt wird;
mancher wird froh sein, dass Malick hernach bald aufhört. Lange wegbleiben wird er notabene nicht. Denn parallel zu «Knight of Cups» hat der ehedem so Untätige gleich noch einen Liebesreigen im
Musikmilieu von Austin abgedreht. Und das mit einer Besetzung, die selbst für ihn imposant ist: Neben Bale, Portman und Blanchett geben sich etwa Rooney Mara, Michael Fassbender und Ryan Gosling
die Ehre. Das heisst: Die Ehre liegt natürlich ganz auf ihrer Seite.