von Sandro Danilo Spadini
Ob die dilettantische Opportunistin Selina Meyer in der brutal bissigen Satireserie «Veep» oder der weisshaarige Frömmler, der in selber Funktion im richtigen Leben zu nichts nütze ist: Das Amt
des amerikanischen Vizepräsidenten hat nicht den besten Ruf. Es sei ein vor allem symbolischer Job: Man warte, bis der Präsident sterbe, heisst es nun hier gar einmal; wobei das achtfach
Oscar-nominierte Biopic
«Vice» dann natürlich
genau den Gegenbeweis antritt. Denn der titelgebende Vize ist just jene Ausnahme, die die Regel bestätigt. Er ist der Mann, der hinter einem Greenhorn in der zweiten Reihe wenigstens energie-,
militär- und aussenpolitisch die Strippen zog. Und insofern ist er der Mann, der wie kaum einer das Chaos zu verantworten hat, in dem wir heute leben. Dass Dick Cheney, von 2001 bis 2009 George
W. Bushs Nummer zwei, enormen Einfluss hatte, war zwar schon damals allgemein bekannt. Aber vielleicht hat man es ja ob der derzeitigen Rund-um-die-Uhr-Beschallung mit grotesker Dummheit und
infamem Vulgarismus aus Washington wieder vergessen. Deshalb ist «Vice» nun eine hochwillkommene Sache. Und beileibe nicht nur deshalb! Selbst wenn man mit seiner politischen Überzeugung nicht
konform geht – das muss man dem Film lassen: Mit Amy Adams als Lynne Cheney, Steve Carell als Donald Rumsfeld und Sam Rockwell als George W. Bush hat «Vice» mit die besten Nebendarsteller dieses
Filmjahrs; und das 45-jährige walisische Schauspielgenie Christian Bale, der mit Dick Cheney eigentlich nur den Geburtstag teilt, dank 25 Kilo Zusatzgewicht und Method Acting aber trotzdem in ihm
aufgeht, setzt knurrend und seufzend gar zur Karrierebestleistung an.
Verspielt und versponnen
«Vice» ist eine dieser selten gewordenen Filmbiografien, die sich nicht damit begnügen, nur einen prägnanten Ausschnitt aus dem Leben der porträtierten Person zu zeigen. Zwar muss bei einer
derart üppigen Karriere in der politischen Arena trotz einer Laufzeit von knapp über zwei Stunden auch hier Vollständigkeit illusorisch bleiben; so fehlt etwa Cheneys Wirken als
Verteidigungsminister unter Bush senior während des ersten Irak-Kriegs. Doch Cheneys Weg vom Taugenichts in Wyoming, den seine ehrgeizige Frau Lynne erst auf Kurs bringen muss, bis zur
Rechtfertigung des von ihm angezettelten zweiten Irak-Kriegs als Politpensionär: Das ist schon ein dicker Brocken amerikanische Geschichte, der hier unter stetem Hüpfen auf der Zeitachse
verspielt und versponnen abgehandelt wird. Und obwohl Regisseur und Autor Adam McKay zunächst verkünden lässt, dass man heutzutage doch keine Lust habe, sich in der Freizeit mit solchen Sachen zu
befassen, macht er es einem dann keineswegs leicht. Wie im Vorgänger «The Big Short», der die Finanzkrise en détail erklärte, durchbricht er indes immer wieder die sogenannte vierte Wand und
wendet sich in witzigen Einsprengseln direkt ans Publikum, um die trockene Materie bekömmlicher zu machen. Hier schimmert McKays Vergangenheit als Gagschreiber bei «Saturday Night Live» und
Regisseur von Komödien wie «Anchorman» durch. Andernorts ist derweil ein gereifter Filmemacher erkennbar, der bei allem (Galgen-)Humor sehr wohl sehr wütend ist. Kein gutes Haar lässt er am
sowieso kahlköpfigen Cheney, und in einer der rustikaleren Metaphern insinuiert er, dass der Mann, der schon fünf Herzinfarkte hatte, eigentlich ja gar nie ein Herz gehabt habe.
Immerhin schlau
Wiewohl er sich ein wenig mit dem Verhältnis zur lesbischen Tochter Mary (Alison Pill) aufhält: McKay hat keinerlei Interesse daran, Cheney zu vermenschlichen oder gar ein «ausgewogenes» Porträt
eines der Architekten der von allen guten Geistern verlassenen modernen Republikanischen Partei zu zeichnen. Vielmehr modelliert er ihn als comichaften Über-Bösewicht im Gewand des Bürokraten,
dessen Motive ebenso im Unklaren bleiben wie sein Aufstieg in diese ungeheure Machtposition. Ohnehin scheint es ihm mehr um das zu gehen, was Cheney verkörpert, als um das, was er ist. Trotzdem:
An Erkenntnissen offeriert McKay, der offenkundig kein Washington-Insider ist, letztlich wenig, und bekehren wird er mit «Vice» auch keinen. Vielmehr «predigt er zum Chor» – etwas subtiler als
Michael Moore zwar, aber ebenso nonchalant im Wissen, dass auf der anderen Seite eh niemand zuhören würde. Ein einseitiges Machwerk also? Nun gut, vielleicht liegt es ja auch einfach daran, dass
es kaum Gutes über Dick Cheney zu sagen gibt; seine Taten sprechen schliesslich für sich. Immerhin eines lässt ihm McKay dann aber doch: seine Schläue. Und fast denkt man da für einen Moment
nostalgisch an eine Zeit, als die «Bad Guys» nicht auch noch infantil waren.